Mehr Bäume und zwei weitere Provinzen, Bolivar und Cotopaxi, abgehackt!

Nach einem Tag Arbeit in der Karnevalswoche ging es am Morgen das folgenden Freitag auch schon wieder los. Eine weitere Minga in der Kommune von Peribuela im Bergmassiv des Vulkanes Cotacachis war geplant. Zusammen mit den lokalen Campesinos (Landarbeiter) der Kommune sollten 600 weitere Bäume in die Erde gebracht werden. Da Kai ebenfalls daran teilnahm, kam er bereits Donnerstagabend rauf zur Farm und am folgenden Morgen luden wir 500 junge Erlen in Luchos Camionetta (PickUp – Truck) und fuhren zusammen mit Stuart in das 60km entfernte Peribuela, unterwegs luden wir noch Getränke, Brot und Käse für den kommenden Arbeitseinsatz ein. Wir brachten die Pflanzen an ihren Bestimmungsort und quartierten uns mal wieder in das Gemeindehaus ein. Am Abend stießen dann noch Elin, Amy und Nick zu uns. Der Abend fand ein frühes Ende, da am nächsten Tag viel Arbeit auf uns wartete. Nur zu sechst, Stuart, Kai, die Genannten und meine Wenigkeit, hofften wir auf große Unterstützung aus der Kommune. Als wir allerdings am nächsten Morgen am Einsatzort ankamen, fanden sich nur 12 Paar helfenden Hände. Mit nur wenigen Werkzeugen ausgestattet, machten wir uns an die Arbeit. Die Löcher in die steinige Erde zu treiben, war mehr als nur frustrierend und blasenaufreibend. Nachdem etwa ¾ der Bäume in der Erde waren, war kein Plätzchen für die restlichen 150 Bäume mehr zu finden. Die umliegende Freifläche war von 3m hohen undurchdringlichen Dornenbüschen überwuchert. Mit Macheten bewaffnet schlugen wir uns einen Tunnel zu einer nahegelegenen Lichtung, wo die restlichen Bäume ihre neue Heimat fanden. Gegen 11.30 schlossen wir die Pflanzaktion mit Käsebroten und Cola, bevor es zurück zum Gemeindezentrum ging und es Mittag gab. Danach packten wir unsere Sachen und machten uns zurück in Richtung Panamericana. Dort stiegen Kai, Elin und ich in den nächsten Quitobus und auf ging es in das 3h entfernte Busterminal Terrestre Cumandá de Quito (Hauptanlaufpunkt aller nationalen Busse in Quito), während der Rest noch in Cotacachi bei Grillfleisch und Bier die gepflanzten Bäume feierten. Gegen 5 Uhr Nachmittags fanden wir uns auf dem Weg nach Latacunga, südlich von Quito gelegen. Die, laut Reiseführer, veranschlagten 2,5h für die Busfahrt erwiesen sich jedoch als sehr optimistisch. Gegen 9 kamen wir dann in Latacunga an, wo wir wieder auf die zwei Engländerinnen, Lottie und Safron, stießen. Zum Glück hatten sie bereits ein Hotel organisiert, das ersparte uns die lästige, zeitfressende Suche. Nach Pizza und Bier erkundeten wir noch das Nachtleben in Latacunga, und verbrachten den noch jungen Abend in einer typisch ecuadorianischen Bar. Am nächsten Morgen ging es dann bereits relativ früh wieder zum Busterminal in Latacunga und in den nächsten Bus in Richtung Westen, nach Zumbahua, nahe der Lagune von Quilotoa. Die Straße wund sich durch andine Höhenzüge, durch vereinzelte landwirtschaftende Gemeinden und vorbei an endlosen Weideflächen hinab zum einsamen Hangdörfchen Zumbahua. Dort quetschten wir uns dann aus dem Bus und sofort waren wir von zahlreichen Camionettafahrern umringt, die uns alle eine Fahrt zur 14km entfernten Laguna anboten. Als wir dann einen anehmbaren Preis von 20 USD ausgehandelt hatten, ging es weiter durch die gleiche Landschaft, vorbei an, von einsamen andinen Indigenas (Eingeborene) getriebenen, Schafsherden über einen Pass und hinab zum Kraterrand der türkisgrünen Laguna von Quilotoa. Die sehr touristisch abgerichtete Umgebung bot einige Restaurants, ein kleines Empfangshäuschen und zahlreiche lokale Stände mit Kleidung, Gemälden und Masken. Da es auf jedem Markt, egal wo in Ecuador, das gleich Zeug ist, machten wir uns unbeeindruckt auf den 25minütigen Abstieg, durch die sändigen Hänge hinab zum Lagunenrand. Ständig die sich im Wasser spiegelnden Wolken im Auge. Aufgrund des hohen Schwefelgehaltes, der immernoch aktiven Vulkangasquellen, erscheint die von grauem Fels umgebene Lagune im Sonnenschein türkisgrün. Unten, an der Lagune, liessen Kai und ich uns es nicht nehmen, einen kleine Runde in der eiskalten Lagune zu drehen. Da die Sonnen schien, hüpften wir kurzer Hand ins kühle Nass. Allzulange konnten wir jedoch nicht verweilen, da wir wieder hinauf zum Kraterrand mussten und noch am selben Tag zur Farm zurückkehren mussten. Der Aufstieg dauerte letztendlich doppelte so lange, im Vergleich zum Abstieg. Man hätte einen Pferd, Esel oder Maultier mieten können, aber Laufen war entlohnender und billiger. Unser Camionetta hatte gewartet und nahm uns wieder zurück nach Zumbahua. Dort trennten sich dann wieder die Wege. Die zwei Engländerinnen fuhren weiter nach Westen, in Richtung Küste nach Quevedo. Kai, Elin und ich machten uns in drei riesigen Muldenkipperen auf den Weg zurück nac h Latacunga, wo wir den nächsten Bus nach Quito und Tabacundo nahmen. Da Alex und Shane am Wochenende daheim geblieben waren und an unserem neuen Gewächshaus gearbeitet hatten, wurde der folgende Montag auch gleich mit der Auswertung des neuen Gebildes eingeleitet. Nach der Fertigstellung sollen dort einige dutzend Tomatenpflanzen ihre Arbeit tun und uns organische Tomaten liefern. Der Rest der Woche verlief relativ langatmig, bis auf die Fussballnachmittage und der Tag des heiligen St. Patrick. Da es Shanes, unserem gebürtigem Iren, letzte Woche auf der Farm war, entschlossen wir uns eine weiteren Kulturabend zum Anlass des St. Patricks Days zu veranstalten, mit typisch irischen Gerichten. Es gab Irish-Stew (irischer Eintopf), ein farmeigenes Huhn, Kartoffelbrei, Gemüsepfanne und Obstkuchen, irische Art, versteht sich und natürlich jede Menge Bier und Whiskey. Zum Glück begann unser Arbeitstag am Mittwoch eine Stunde später.

Am folgenden, zweiten Märzwochenende, steuerte ich breits das nächste Ziel an, diesmal zunächst auf eigene Faust. Ich hatte mir die Provinz Bolivar mit der Hauptstadt Guaranda und dem sehr interessant klingenden Dörfchen Salinas de Tombelas vorgenommen. Da die zwei Engländerinnen sich in der Gegend aufhielten, beschloss Lottie sich mir anzuschließen und so waren wir zu zweit. Zunächsten wollten wir uns am Freitagabend in Guaranda treffen und dann von dort aus die Reise nach Salinas fortsetzten. Ich saß also Punkt 5 im letzten Bus von Quito ins 5h entfernte, südllich gelegene, Guaranda. Lottie hatte weniger Glück und verpasste den letzten Bus von Guayaquil nach Guaranda. Nach einer kurzen Planänderung trafen wir uns dann in der nahgelegenen Stadt Riobamba, da es bis dorthin die ganze Nacht Busse gab. Von dort machten wir uns dann am nächsten Morgen in das 2h entfernte Guaranda. Die Straße führte über einen Pass am Fusse das höchsten inaktiven Vulkans Ecuadors, Chimborazo (6310m), auf 4800m. Nicht nur die Aussicht auf dem schneebedeckten Bergriesen war atemberaubend, sondern auch die zunehmend dünnere Luft mit zunehmender Höhe ließ das Herz schneller schlagen und die Atemfrequenz in die Höhe schnellen. Zurück auf ‚normalen‘ 2650m in Guaranda erkundeten wir in einem kleinen Stadtrundgang die sehr touristenarme Provinzhauptstadt. Schnell wurde auch klar, warum nur wenige Touristen diesen abgelegen Ort aufsuchten, es gab nicht viel interessantes zu begucken. Also saßen wir um 3 auch schon im Bus in Richtung Nordwesten, nach Salinas. Auf einer Schotterstraße ging es hinauf auf 3500m bis ans Ende eines Tales, wo sich das aufgeweckte, lebhafte Städtchen Salinas versteckte. Auch hier waren wir die einzigen Touristen, hatten also auch keine Probleme ein Zimmer im einzig offenen Hotel zu finden. Noch am selben Nachmittag stiegene wir zum Aussichtspunkt über der Stadt auf. Die Sicht wurde jedoch von ein paar tiefhängenden Wolkenschleiern getrübt, denoch ließ sich die schier endlose Ausdehnung der Weidelandschaften des Städtchen erahnen. Da es langsam dämmerte begaben wir uns auf Nahrungssuche, doch außer einer Panaderia (Bäkerei) und einer Tienda (Minikaufhalle) fand sich nix. Also kauften wir Brötchen, eine Dose Sardinen und ein Stück Käse und aßen im Hotel. Für den nächsten Tag hatten wir uns bereits eine Dorfführung durch die einzelnen Manufakturen organisiert. Folglich trafen wir uns, nach einem aussergewöhnlich gutem Frühstück mit Eiern, Käse, Wurst!!!!, ausreichend Bort und Marmelade und einer super Aussicht über das Städtchen bei besten Wetter, mit unserem Führer Don Victor. Salinas ist national bekannt für seine einfache, funktionierende Gemeindestruktur und für die Manufakturen in unterschiedlichsten Bereichen. Als die katholische Kirche auf Missionierungstour durch Ecuador zog, kamen horende Geldeträge der Gemeinda von Salinas zu Gute. Einer der Dorfvorsteher nutzte diese Geldquelle und investierte in einige grundlegende Maschinen und Technologien und kaufte schweizerische Käsereiaustattung und Schokoladenverarbeitungsgeräte. Aufgrund der hohen Milchproduktion in den 30 Kommunen der Gemeinde Salinas war nun die Verarbeitung und somit die Abnahme der Milch gesichert. Die bis zu 30kg schweren Käseblöcke werden national und international für bis zu 7,50 USD/kg verkauft . Die Käseproduktion der Marke „Salinerito“ gilt als der luktrativste Zweig des Städtchens. Dem Käse folgte die Schokolade, alle 3 Monate werden der Schokoladenfabrik 8t Rohkakao geliefert und zum einen zu roher Kakaomaße verarbeitet und nach Japan verschifft und zum anderen zum Endprodukt Schokolade, verschiedenster Geschmacksrichtungen und Formen, endverarbeitet. Des weiteren werden regelmäßig zur Regenzeit Pilze im Schatten der Pinienbäume geernte, tranchiert und getrocknet und nach Italien als Delicatessen verkauft. Des weiteren besitzt das 1200 Seelendorf eine Weberei und Scheiderei, die aus Schaffswolle warme Andenkleidung herstellt, eine Fussballmanufaktur, eine Fleischerei mit Fleischspezialitäten, ebenfalls der Marke „Salinerito“ und ein Marketingzentrum für den nationalen und internationalen Markt. Der Name Salinas rührt ursprünglich von jahrhundertalten Salzmine, auf der gegenüberliegenden Hangseite. Schon die Inkas nutzen diese Salzmine um das besonders klare jodhaltige Naturalz abzubauen. In aufwendigen Auswaschungsprozessen wurde Salzlacke gewonnen, die man abkochte und dann das Tafelsalz aus dem Bodensatz des Topfes kratzen konnte. In frühren Kulturen wurden so bis zu 8t Tafelsaz jährlich gefördert. Aufgrund de Langwierigkeit und Härte der Arbeit werden heutzutage in der jährlichen Trockenzeit nur noch 3t maximal gefördert. Diese Vielfältigkeit der Produkte auf so engem Raum hat mich besonders in Salinas sehr beeindruckt, wie jeder Einzelne der Gemeinde zum Funktionieren beträgt. Nachdem ich zwei Tafeln Schokolade und 500g Oreganokäse gekauft und den Preisschock von 10 USD überwunden hatte, ging es zurück nach Guaranda. Dort trennten sich dann wieder die Wege, ich machte mich zurück nach Norden, auf meine Farm und Lottie brach Richtung Süden, nach Guayaquil und dann Peru, auf. Bei klarsten Wetter konnte ich die andinen Höhenzüge in der Abendsonne auf meiner 7stündigen Heimreise genießen. Zurück auf der Farm machte ich einen Kringel um Guaranda und Salinas auf meiner Ecuadorkarte, markierte die Provinz Bolivar und fiel erschöpft ins Bett.

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