Abwrackurlaub in Tena und Puyo
Nach einem erneuten Wochenende, dem letzten des verregneten Aprils, auf der Farm stand nun der 1. Mai bevor. Da dieser hier ebenfalls als ‚Tag des Arbeiters‘ begangen wird und glücklicherweise auf einen Freiag fiel, stand wiedermal fest – weg! Nach einigen Diskusionen mit Stuart, dass ich denn nie im Garten am Arbeiten sei, entließ er mich dann aber doch zum langen Wochenende. Doch Wohin? Nach langem hin und her entschieden sich Kai und ich für das Gebiet am Rande des Amazonasbecken. Die Stadt Tena, in der Provinz Napo, und die etwas südlich gelegenen Stadt Puyo, Provinzhautstadt der Provinz Pastaza, waren dabei die Hauptziele des dreitägigen Ausflugs. Um eine Übernachtung zu sparen, saß ich erst am Freitagmorgen um 5 im Bus nach Quito, dort traf ich auf Kai und um 8 saßen wir im Bus nach Tena. Da die altbekannte Route über den Andenpass von ‚La Virgin‘ führte, verschliefen wir einen Großteil der Fahrt. Auf 300 Höhenmetern in Tena angekommen, empfing uns das unter der drückend schwülen Hitze leidende Tena mit verdreckten Straßen und stinkenden brennenden Müllhaufen. Hier wollten wir nicht bleiben. Laut unserm Reiseführer gab es hier auch nicht allzuviel zu sehen. Doch wir waren am Verhungern, also in den nächsten ‚Comedor‘ (billiges Restaurant) und das ‚quarto de pollo con arroz‘ (viertel Hühnchen mit Reis) war schnell bestellt. Schließlich konnte ich Kai noch überreden, in den ‚Parqué Amazonico‘ (Amazonaspark) auf einer Halbinsel im Rio Pano zu gehen. Der eine Dollar wurde schon auf der Überquerung der Hängebrücke in den Park gerecht, als uns ein Kapuzineräffchen zum Anfassen nahe begrüsst. Auf der anderen Seite des Flusses waren kleinen Lehrpfade angelegt, die an einem Vogelstrauß, einigen Affengehegen, Anakondaterrarien mit herumspringenden Hühnern und viel Grün vorbeiführten. Unter anderem gab es auch ein freilebendes Tapir, das sich aber von Kais Anwesenheit gestört fühlte und ihm das auch deutlich zur Kenntniss gab. Wir bestiegen eine 4stöckige Aussichtsplattform, Kais und meine Höhenschätzungen varrierten dabei von 10 und 25m. Das wacklige Dinge, was beim leisesten Windhauch umzufallen droht, ragte gerade so über die Spitzen der Baumriesen emport und bot eine Sicht auf die sich aufbäumenden Anden im Westen und das flache, sich im Dunst verlaufende Amazonasbecken, im Osten. Nach langen Experimenten und Diskusionen über die Höhe stiegen wir die 97 Stufen wieder hinab und setzten unseren Weg begeitet von Affen aller Art durch den Park fort und verließen ihn dann schließlich über die selbe Hängebrücke, auf der wir gekommen waren. Kurze Zeit später saßen wir in einem Gefährt, dass uns ins nahegelegene Misahualli bringen sollte, da wir nicht in Tena bleiben wollten. Von dem stinkenden, angeblichen Bus, blätterte die Farbe ab und die Sitze waren so schmal, dass nicht mal zwei für einen Durchschnittsdeutschen gereicht hätten. Aber die Landschaft und die kleine Dörfchen und Hängebrückchen entlang des Rio Napos entschädigten für die Strapazen. In Misahualli angekommen wurde einem gleich bewusst, dass man sich in einem ‚Feriado‘ (Feiertag) befand. Das ganze Dorf war im Park am saufen und tanzen. Eine Band spielte und die Straßenverkäufer drehten ihre Runden. Nach einer kurzen Runde durch die wenig vorhandenen Hostal, erwies sich, dass das sehr touristische Dörfchen bis auf das letzte Bett ausgebucht war. Nur einige Bruchbuden zu überteurten Preis waren noch zu finden. Also entschieden wir uns, dass was Misahualli zu bieten hat – einen schönen Strand an der Flussmündung des Rio Napo und des Rio Misahualli – zu erkunden und verbrachten da den ganzen Nachmittag. Die reißende Strömung machte ein Gegenanschwimmen unmöglich und konnte einem schnell zum Verhängniss werden. Den Strandtag rundeten wir dann noch mit einem Fussballspiel gegen drei unterernäherte Ecibrüder ab. Gegen Einbruch der Dunkelheit setzten wir uns den letzten Bus zurück nach Tena und quartierten uns in einem 5 Dollarhotel ein. Hellwach wussten wir nicht so recht, was wir mit dem angebrochenen Abend anstellen sollten, völlig unüberlegt endeten wir mit einer Flasche ‚Zhumir‘ (Billigalkohol) in unserem Hotelzimmer. Angetrunken zogen wir dann los um zu sehen, ob das Nachtleben in Tena den ersten Eindruck ablöste. Doch ein paar Discoschuppen und Biere später landeten wir doch wieder im Hotel und schliefen unseren Rausch aus. Diese Aktion rächte sich am nächsten Tag, als wir völlig verkatert aufwachten und einfach nur aus Tena verschwinden wollten. Mit voller Rechtfertigung hatten wir auf unseren vorherigen Touren die Finger vom Alkohol gelassen. Der gesamte Tag war nun im Eimer. Nach 4 weiteren Stunde im Bus kamen wir in Puyo an und es machte einen besseren Eindruck. Wir stiegen zwar in einem Vorort aus dem Bus, fanden aber schnell ins Zentrum und quartierten uns im 4. Stock eines günstigen Hostals ein. Der Blick vom Balkon und das Kabelfernsehn war genau was wir an diesem Vormittag brauchten. Da wir uns kaum auf den Beinen halten konnten, dösten wir bei ecuadorianischem Fernsehen, was keinesfalls stimmungshebend ist, 3h vor uns hin. Aber alsbald zwang uns der Tatendrang wieder auf die Straßen Puyos und seine Rundwanderwege, entlang des Rio Puyo. Da es zum Samstag viele ‚Quiteños’ und ‘Guayaquileños’ (Bewohner Quitos und Guayaquils) in die touristischen Orte des Landes zieht, waren diese Pfade mit nationalen Touristen übersäät. Je länger wir doch am Fluss entlangliefen, umso verlassener wurde es und wir endeten bei der Feststellung, dass wir so langsam genug von Ecuador und von den Menschen hier hatten und uns nach der Heimat, unseren Leuten, heimischem Bier und Grillparties sehenten. Wieder zurück an der Uferpromenade des Rio Puyo verbrachten wir den Rest des Nachmittags ‚El Comercio‘ (Ecuadorianische Zeitung) zu studieren und die vorbeieilenden Leute zu beobachteten, die in Taxis und ihre Autos sprangen, um den bevorstehenden Regenschauen zu entfliehen. Der Himmel zog sich dunkel zu und die Blitz zuckten über dem Blätterdach des umliegenden Regenwaldes, doch mehr als eine Hand voll Tropfen ließen sich nicht blicken. Auf unserem Rückweg zum Hostal aßen wir noch ein ausgezeichnetes ‚pollo asadero‘ (gegrilltes Hähnchen) und so fand der Abend auch ein schnelles Ende. Am nächsten Morgen wollten wir schon früh im 5stündigen Bus nach Hause sitzten, doch völlig pleite kann man natürlich auch kein Ticket kaufen. Wir liefen in ganz Puyo umher, auf der Suche nach einem Geldautomaten, der mit Geld befüllt war. Da es Monatsbeginn war und die Lohnüberweisung gerade stattgefunden hatten, gab es an keinem Automaten Geld. Nach verzweifeltem Suchen fanden wir eine Bank, an der wir nach langem Warten dann endlich an Geld kamen und unser Ticket kaufen konnten. Doch damit sollte das Abendteuer noch nicht zu Ende sein. Als wir am Busbahnhof in Puyo ankamen und unser Ticket nach Quito gelöst hatten, mussten wir eine weiter Stunde warten, bis unser Bus kam. Dieser war nur auf der Durchreise und schon mit Passagieren aus den vorherigen Städten, die ebenfallls Tickets hatten, besetzt. Wie es sich dann herrausstellte, wurden dabei Sitze doppelt verkauft und der Bus war somit mit mindestens 10 Passagieren überbelegt. Auch Kais und mein Sitz waren bereits belegt. Da wir jedoch als erstes in den halbvoll Bus stiegen, sicherten wir uns zwei andere Sitze und bewegten uns nicht vom Fleck. Die Diskusionen zwischen Busbegleiter, Fahrer und den Passiegeren ohne Sitze endete in Beleidigungen, Beschimpfungen und fast in Handgreiflichkeiten, da diese auf ihre bezahlten Sitze bestanden. Nach einer guten Stunde wilden Diskutierens ohne Ergebniss lösste sich das Gedränge auf, da einige Passagiere freiwillige auf ihren Sitzanspruch verzichteten und den nächsten Bus nahmen. Mit guter Verspätung begab sich der Bus auf den Weg durch die Touristenstadt Baños, der Provinz Tungurahua und durch die Andenkordilleren nach Norden in die Landeshauptstadt und auf die Farm.