Land und Leute

Nun geht das Jahr langsam dem Ende zu, die letzten Monate sind vorbeigezogen, als wären sie nie dagewesen. Ich wollte es erst nicht wahr haben, aber wie mein einjähriger Mitbewohner Alex zu sagen pflegt: „Es ist die Routine, die die Zeit verfliegen lässt!“ Und da frag ich mich wirklich: Wo sind die letzten 8 Monate geblieben? Die 10 Wochen die mir hier in Ecuador noch bleiben sind gezählt und fast restlos ausgeplannt. In zwei Wochen geht es mit unserer langeingesessenen Zivitruppe, bestehend aus Kai N., Jakob und Kai H., auf zweiwöchige Kolumbienreise. Aus diesem und anderen Anlässen sah ich es für angebracht mal einen kleinen Einblick in das eigentliche Farmleben, die Menschen hier und die Mentalität zu geben.

Von Haferschleim bis Wäschewaschen – die Farm, ihre Bewohner und das Leben

Ich hatte nach den ersten Tagen meines Aufenthaltes hier ja schon ein bisschen was zur Farm mitgeteilt, doch über die Zeit haben sich die Dinge etwas geändert und ich habe einen tieferen Einblick in die Zusammenhänge bekommen. Inzwischen leben hier auf der Farm vier Familien, jede mit ihrem eigenen Haus und je mit 2-6 Kindern. Hinzu kommt Stuart, der einzige festangestellte ‚Gringo‘ (meist weiß und Nichtecuadorianer) aus England mit seiner kanadischen Freundin aus Kanada. Stuart, Leiter des gesamten Freiwilligenprogrammes, wohnt bereits seit sieben Jahren in Ecuador und lebt seid knapp vier Jahren hier auf der Farm. Er hat das Freiwilligenprogramm initiiert und leitet den organischen Gemüsegarten. Weiterhin übernimmt er administrative Aufgaben und greift somit dem Administrator Gebriel unter die Arme. Gabriel wohnt mit seiner Frau Narzissa schon mehre Jahre hier auf der Farm, gemeinsam haben sie drei Kinder und ein Baby, das vor einem Monat das Licht der Welt erblickte und auf Jimmy Sebastien getauft wurde. Er kümmert sich hauptsächlich um die Anleitung der anderen Arbeiter, der Organisation der Arbeit (Aussaat/Feldarbeit/Ernte) und kümmert sich um die finanziellen Ein- und Ausgänge. Sein Nachbar, Aladio und seine Frau Ruth sind für die Tiere der Farm verantwortlich. Diese jungen Eltern, um die 30, füttern bereits 6 Kinder durch. Aladios Tag beginnt bereits um halb 6 im Stall, da die Kühe aus ihren Verschlägen geholt werden müssen und gemolken werden. Sein ältester Sohn Manolo (11) hilft ihm dabei so gut er kann. Das Melken und auf die Weide treiben dauert meistens bis um 7, danach muss Manolo in die Schule und der ‚Lechero‘ (Milchmann) kommt mit seinem Kühltransporter angerast und lädt die frisch gemolkene Milch und die Milch des Nachmittags des Vortages auf. Zwischen 40l und 50l liefern die aktuell sechs Milchkühe, die für 30cts. pro Liter an den Molkereibetrieb verkauft wird. Danach muss der Stall gesäubert, die 200 Meerschweinchen gefüttert und ausgemistet werden und gegen 3 ist es meist schon wieder Zeit die Kühe von der Weide zu holen und erneut zu melken. Da Aladio studierter Veterinär ist, sagt er zumindest, ist er der beste Mann für diesen Job. Da die Kühe geimpft werden und Geburtshilfe bei Geburtstkomplikationen geleistet werden muss. So sind bereits vier Kälbchen, seit meiner Ankunft, zur Welt gekommen. Unsere vereinzelten Kühe sind mittlerweile zu einer stolzen Herde von 20 herangewachsen. Neben dem Freiwilligenhaus befindet sich das Wohnhaus der Familie von Lucia und Fredermann, sie haben ebenfalls sechs Kinder. Fredermann war bei meiner Ankunft noch Administrator, doch da er für 3 Monate nicht aufzufinden war und seine ganzen Pflichten auf der Farm vernachlässigt hat, musste er diesen Job abgeben. Angeblich soll er eine andere, besserbezahlte Arbeit im Norden des Landes gefunden haben und dort für gutes Geld Bäum geschlagen und transportiert haben. Im Moment ist er wieder zurück und baut das zukünftige Haus der Familie ausserhalb der Farm. Lucia, eine sehr eigene und spezielle Mutter, ist Kopf der Küchenbrigade, wenn Schülergruppen auf die Farm kommen. Sie weiß es für 100 Leute zu kochen und die Unterkunft zu organisieren. Nichtsdestotrotz hat sie der Farm schon so einige Probleme mit ihrer Art bescherrt und viel Geld in den Sand gesetzt. Da weder sie noch ihr Mann auf der Farm arbeiten ist es unverständlich, dass sie hier noch kostenlos wohnen dürfen. Aber dafür soll bald eine Lösung gefunden werden. Alle drei Familien stammen ursprünglich aus der Intagregionen und kannten sich bereits vorher. Vertraglich ist das Arbeitgeber–Arbeitnehmer–Verhältnis geregelt; die Familien können hier kostenlos leben, Strom und Wasser bekommen sie bezahlt und bekommen obendrauf noch einen Lohn von $220 im Monat, das liegt sogar noch über dem Mindestlohn von $200. Die Familie um Jesus und seine Frau Elsa wird nicht von der Fundacion angestellt. Sie sind verantwortlich für die Brombeerfelder der Farm. Ein externer Auftraggeber bezahlt Jesus für die Arbeit mit den kostbaren Beeren. Die 1000 organische Pflanzen der Sorte ‚Castilla‘ müssen gepflegt, veredelt, bewässert und geunkrautet werden. Wöchentlich, meist Dienstags, werden dann bis zu 40kg der reifen Beeren geerntet und von uns mit zum Verkauf genommen, wo wir sie dann für $3 das Kilo an den Mann bringen. Neben dem Gemüsegarten, den Feldern, dem Vieh und den Brombeeren gibt es dann noch eine Baumschule, die Kapazitäten für 300 000 Bäume liefert. Im Moment wachsen die Bäum ohne Pflege vor sich hin, da es keinen gibt der sich um diese kümmert. Doch lange wird das nicht gut gehen. Es müssen mindestens zwei vollzeitbeschäftigte Leute die Bäume unkrautfrei und feucht halten um maximalen Ertrag zu gewährleisten. Bei richtiger Handhabung können wir so bis zu 100 000 Bäumchen im Jahr produzieren. Regelmäßig kommen Clienten und kaufen zwisch 400 und 2000 Bäumen am Stück. Das Sortiment reicht von Erlen, Eukalyptus und allerlei heimischen Bäumen über Sträucher bis hin zu Früchtebäumen, wie Zitrone und ähnlichem. Zwischen dem ganzen Gewusel stecken wir, die Freiwilligen. Mit unserem eigenen Haus und der Länge unseres Aufenthaltes haben wir uns eine Art Status und Zuverlässigkeit erarbeitet und werden von den Arbeitern mehr als Mitarbeiter, als Touristen gesehen. Unsere Arbeit beschränkt sich hauptsächlich auf den Gemüsegarten, die Pflege der 50 Hühner und die erst kürzlich wieder in Gang gebrachten Bienenstöcke. Selten helfen wir bei größeren Projekten auf der Farm aus und arbeiten mal mit den Arbeitern zusammen, dennoch grüßt man sich, redet, tauscht Neuigkeiten aus und spielt Fussball – ein sehr entspanntes angenehmes Verhältnis. Mein gewöhnlicher Wochentag beginnt um viertel 7 mit einer kleinen Frühsporteinheit und dem Gang zum Stall um 2l frische Milche zu holen. Danach mach ich mich daran, das Frühstück zu machen, während der Rest im Haus meist noch schläft. Das normale Frühstück besteht meist aus Haferschleim, Brötchen, hausgemachter Brombeermarmelade, heißer Milch, frischgepresstem Saft und Honig. Ab und zu gibt es auch mal Rüherei, Kochbananen, Käse oder Milchreis um dem öden Haferschleim eine Abwechslung zu bieten. Um 7 wird dann der Rest des Haus aufgeweckt, je nach dem wieviele Freiwillige sich gerade im Haus befinden. Die allmorgentliche Gesprächsfreudigkeit hält sich jedoch in Grenzen, da die meisten Neulinge den frühen Start in den Tag nicht gewöhnt sind. Gegen halb acht werden die Gummistiefel angelegt und Richtung Garten gestiefelt. Die gesamte Farm ist zu dieser Zeit bereits seit einer Stunde auf den Beinen. Man grüsst die Kinder, die sich auf den Weg hinunter in die 30min entfernte Schule machen. Die erste Tat am Morgen widmet sich den Hühner, diese erwarten einen bereits hungrig am Eingangstor des Freiluftverschlages. Füttern, Wasser auffüllern und Eier einsammeln steht auf dem Plan. Des weiteren muss darauf geachtet werden, dass alles in Ordnung ist; die Hühner gesund, vollzählig und an ihrem Platz, keiner Löcher im Zaun und ähnliches. Da wir vor kurzem erst 35 neue Hühner bekommen haben, ist die Eierkapazität noch nicht kompletausgeschöpft. Im Moment legen sie in der Woche ca. 40 – 50 Eier gelegt, hinzu kommen alle 6-7 Wochen ein neuer Satz Kücken. Nachdem die Hühner versorgt sind beginnt die eigentlich Arbeit im Garten. Zusammen mit der unserer ecuadorianischen festangestellten Aushilf Gimena geht es an die Arbeit. Die 35 Jahre alte Gimena ist Bewohnerinn der Kommune Guillero Grande, nahe der Farm, und kommt jeden Tag um im Garten auzuhelfen. Sie hat allerlei Erfahrung in der organischen Landwirtschaft, weiß es mit Tieren umzugehen und kann dir für jede x-biliebige Krankheit eine Heilpflanze zubereiten. Die Arbeiten belaufen sich meist auf Unkraut jeten, Beete mit Kompost anreichern und umgraben, verpflanzen, Saatbeete anlegen, Schnecken fangen und anderes was anfällt. Da wir mit dem Mondzyklus säen, kann nur zu bestimmter Zeit ein Saatbeet angelegt und verpflanzt werden. Um Kontrolle über Erde und Wasser bei den neuen Keimlingen zu haben, säen wir die Samen zuerst in Holzkisten und verpflanzen sie mit einer gewissen Größe in die Beete des Gartens. Um maximalen Ertrag bei unseren Pflanzen zu bekommen, versuchen wir jede Gemüseart nur einmal aller 4 Jahre in das gleiche Beet zu pflanzen. Da jede Gemüsefamilie andere Nährstoffe aus dem Boden bezieht, kann sich so die Erde mit der Zeit regnerieren und wird nicht zu sehr ausgelaugt. Das Sortiment unseres 1600m² Garten ist groß:

Brokkoli Blumenkohl Romanesko Zwiebeln Frühlingszwiebeln Knoblauch Chilli Koriander Petersilie Bohnen 10 versch. Salate Porée Zucchini Grünkohl Weiskohl Rotkohl Rosenkohl Mohrrüben Rote Beete Radisschen Kohlrübe Fenchel Dill Pfefferminze Zitronenmelisse Kartoffeln Selerie Spinat Mangold Roter Mangold Erbsen Mais Feigen Passionsfrucht Baumtomate Zitronen Ruckula Mashua Krauskohl Avocado

Da wir seid kurzem auch ein neues Gewächshaus (12m X 6m) haben, sind die ersten Tomatenpflanzen in der Erde und bereits 15cm groß. Hoffentlich kann ich noch in meiner Zeit hier die erste organische Tomate aus unserem Garten essen. Des weiteren sind Paprika und Chillipflanzen im Gewächshaus zu finden. Unsere Chillis, der Sorte ‚Ricotta‘, sind die schärfsten, die ich jemals probiert habe. Bereits ein stecknadelkopfgroßes Stück führt zu atemnot und brennenden Lippen. Gegen 11 beginnt Alex dann meist Gemüse für das bevorstehende Mittagessen zusammenzusammeln. Um 12 geht dann der Rest ebenfalls zum Mittag und nach einer einstündigen Pause geht es weiter, nocheinmal drei Stunden. Am Ende des Tages wird der ganze Garten und die Saatbeete bewässert und um 4 ist Feierabend. Danach geht dann jeder seiner eigenen Wege, Alex gibt unserem Kumpel Alonzo in Tabacundo eine Stunde täglich Englisch. Ich bin meistens in Cayambe dem Nachbarort im Internet und danach im Fitnessstudio zu finden. Gegen 8 treffen wir uns dann wieder zuhause und es gibt meistens Hackfleisch oder Würstchen, um unsern Proteinhaushalt zu stärken. Um das Haus sauber und ordentlich zu halten, wird jeden Montagmorgen eine Putzeinheit eingelegt, in der geputzt, gefegt und aufgeräumt wird. Da Montag meistens neue Freiwillige kommen müssen die Betten hergerichtet werden und ausserdem sollen sie ein ordentliches Haus vorfinden. Dienstag ist dann der große Tag der Ernte. Alles was reif zum Verkauf ist, wird geerntet, gewaschen und in Kisten verladen und gegen Mittag kommt der blaue PickUp Truck von Edwin und es geht nach Cayambe zum Verkaufen. Eine willkomme Abwechslung im öden Gartenalltag. Da wir direkt an Familien und Restaurants liefern, hat es nicht wirklich Marktschreierqualitäten, aber man tritt direkt mit dem Endverbraucher in Kontakt und bei lockerer Atmosphere werden die Salate, Brokkolis, Brombeeren und Co. unter die Leute gebracht. Da wir mit unseren organischen Produkten zwischen kommerziellen Markt- und Supermarktpreisen liegen, bieten wir ein relativ günstiges Angebot, direkt nach Hause. (zB. ein Brokkoli mittlerer Größe kostet 50cts, ein Pfund Möhren 35cts.). Nachdem dann hoffentlich gegen Ende des Tages die Ladefläche leer ist, wird abgerechnet. Pro Woche nehmen wir, ohne die Brombeeren, also nur aus dem Garten zwischen $40 und $50 ein. Manchmal, wenn Stuart nicht da ist, schmeißen Edwin und ich den Laden auf Rädern, das endet dann schonmal gerne im Chaos, aber irgendwie stimmt dann am Ende alles doch überein. Es ist ein anderes Erlebnis mal auf der anderen Seite der Verkaufsverhandlungen zu stehen und um den Preis zu feilschen. Mittwochs kommen meist einige unserer Kunden aus Cayambe und wir spielen auf Kleinfeld 5 gg. 5 bis der Ball kaum noch zu sehen ist. Da dann der Abend aber meist noch jung ist, bleibt Zeit um Marmelade zu kochen. Das Pfund Brombeeren, dass wir wöchentlich pro Kopf erhalten, wird alle zwei Wochen zu dem köstlich süßen Brotaufstrich verarbeitet. Abhängig von Anzahl der Freiwilligen kochen wir so zwischen 3 und 7 Pfund Marmelade. Das organische Produkt hat es sogar schon bis nach Quito in das Haus einiger befreundeter Frewilliger geschafft; marktreif ist es allerdings noch nicht. Bei Bedarf und viel übriger Milch machen wir auch Käse. Mit Hilfe eines langwierigen, fragilen Prozesses der Erhitzung und Abkühlung und dem ‚Cuajo‘ (Laab) entstehen so aus 4l Milche 600g gewöhnlicher Eci-Käse, den man im Laden für 1,50 kaufen kann. Da wir ohne Thermometer die Temperatur auf 36°C (+/- 2°C) abschätzenmüssen, gingen einigen Käsen zahlreiche Missversuche voran. Aber es werden weniger – Missversuche. So hat fast jeder Tag seine Vormittags- und Nachmittagsaktivitäten. Alle zwei Wochen muss ich dann auch einen Waschtag einlegen, wo Socken, Unterwäsche, Hosen, T-Shirts und Ähnliches erst im Eimer zum Einweichen und dann auf dem Waschstein landen. Jede Woche graut es mich vor der einstüdigen Prozedur, das macht die Vorfreude auf eine Waschmaschine und einen Trockner wenigstens noch größer. Meistens trifft man am Waschstein auf einige der anderen Frauen, die gerade vor den Waschbergen ihrer gesamten Familie stehen. So vergeht die Zeit schnellerund man kommt mal zum Spanisch sprechen. Nach den nachmittaglichen Aktivitäten und dem Abendbrot fallen wir dann spätestens um 10 ins Bett; schauen vielleicht noch den einen oder anderen Film oder sitzten am Feuer. Doch nach einem vollem Tag harter Arbeit bleibt auch kein Elan mehr für späte Nächte. An regnerischen Vor- oder Nachmittag ist es meist unmöglich im garten zu arbeiten ohne innerhalb von Minuten durch zu sein. Entweder verlagert sich die Arbeit ins Gewächshaus oder wir ziehen uns ins Haus zurück und ich übersetzte die Website der Fundacion ins Deutsche um noch mehr potenzielle Interessenten anzusprechen. Bald werden auch die ersten Teile auf www.fbu.com.ec zu finden sein.

Nie pünktlich und unzuverlässig – die Ecis und ihre Busse!

Schon während meiner ersten Tage in Quito und Llano Chico wurde mir bewusst, dass man es hier mit der Pünktlichkeit nicht so genau nimmt. Angefangen bei Verabredungen, die 30min zu spät kommen, bis hin zu Bussen, die, wenn sie denn nach Plan fahren, generell eine halbe Stunde zu spät kommen. Anscheinend interessiert es aber auch keinen ob der Bus nun halb vier oder halb fünf, oder überhaupt kommt. Egal, wie lange gewartet wird, man stellt sich in Reihe und Glied an und wartet bis man an der Reihe ist in den Bus einzusteigen. Generelle Faustregel bei der Hauptverkehrslinie Ecovia in Quito – stehen mehr als 30 Leute vor einem in der Reihe, muss man später im Bus stehen. Der Ecovia ist eine der Hauptbusadern durch Quito und bringt einen vom Norden der Stadt innerhalb einer halben bis dreiviertel Stunde in den Süden Quitos. Egal wieviele Stationen man fährt, ob eine oder alle, kostet es immer 25cts. Da man als großer weißer Ausänder aka ‚Gringo‘ unter der maximal 1,70 großen Ecis ziemlich aufhält, wird man nicht selten mit einem gebrochenen ‚hello!‘ oder ‚how are you?‘ gegrüßt. Auch die weibliche Fraktion werten die ‚Gringos‘ meist tuschelnd und kichernd aus. Gringo-Sein ist somit nicht nur nervend, sondern lässt einen auch automatisch zum Ziel von Taschendiebstählen werden. Bei einem Tageslohn von durchschnittlichen $10 ist ein kleiner Nebenverdienst meist verlockend. Unbeachtet verschwindet so das sichergeglaubte Handy oder Portmonnaie aus der Hosentasche. Man glaubt es nicht, aber bei einem unerwarteten Bremsmanöver in dem chaotischen Verkehr fallen die eingänglich überfreundlichen Passagiere völlig überraschend in die Gringos und lassen dabei blitzschnell das Diebesgut mitgehen. Wer seine Wertsachen im Rucksack auf dem Rücken im Bus mitsich führt, ist diese unter Garantie los. So verlor ich meinen iPod in den ersten Wochen in Quito. Mit einem Skalpell wird die Tasche geöffnet und in Ruhe nach Brauchbarem gesucht. Den Rucksack auf er Brust, entgegen seinem Sinn (siehe Wortlaut) zu tragen, ist zum einen sehr offensichtlich, das man es zu verbergen hat, verängstigt ist und zum andern sieht es einfach bekloppt aus. Deshalb den Rucksack immer seitlich über die Schulterhängen und im Auge behalten. Bei Überlandbussen, vor allem nachts, sollte größeres Gepäck in die Stauräume unter der Passagierkabine genutzt werden, was nur unter eigener Aufsicht von den Busbegleitern dort verstaut wird. Bei seriösen Busunternehmen bekommt die Tasche einen Aufkleber mit Nummer und man selbst den Abriss. Am Ende der Fahrt – ohne Abriss kein Gepäck. 100% habe ich das Vertrauen in die ‚Bodegas‘ (Stauräume unterm Bus) noch nicht gewonnen, da bei einem vermeintlichem Halt schnell die Klappe geöffnet ist und die Tasche unaffindbar wird, aber passiert ist nach meinem Wissen noch nichts. Kleines Handgepäck sollte auch immer auf dem Schoß oder dem freien Nebensitz abgelegt und stetig im Auge behalten werden. Taschen von ehemaligen Freiwilligen die unterm Sitz verstaut waren, wurden vom Hinterplatz aufgeschnitten und ausgeräumt. Auch über dem Sitz sind sie vor keinem sicher, schnell ist die Tasche entwendet, durchwühlt und wieder an ihrem Platz. Vor allem beim vermeintlichen wegnicken oder der Dunkelheit. Doch mit etwas Vorsicht ist man relativ gut gerüstet. Da Ecuador relativ klein ist, kann man innerhalb von 24h das gesamte Land von Norden nach Süden durchqueren. Das perfekt ausgebaute Bussystem bringt einen überall hin, wo es eine Straße gibt. Daumenregel –eine Stunde Busfahren – $1, bei seriöseren Unternehmen etwas mehr. Der halbstündige Bus der mich fast täglich von der Farm über Tabacundo ins das 10km entfernte Cayambe bringt kostet 22cts.; fährt aber dementsprechendes Schneckentempo. Der pure indigenen Bus ist meist überfüllt und dröhnt mit Reggeaton, Cumbia oder anderer Ecimusik. Aufrecht stehen oder angenehm Sitzen ist meist ebenfalls nicht möglich. Da ich hier in einer ziemlich ländlichen Region lebe, bekommt man das Stadt-Land-Gefälle des Bildungsstandarts zu spüren. Jugendliche in Quito und andere Großstädte gehen nach der ‚Escuela‘ (Grundschule) meist noch zum ‚Colegio‘ (weiterführende Schule). Ich glaube, es gibt sogar eine Schulpflicht, die entweder wenig oder garnicht durchgestetzt wird. Die ländliche Bevölkerung schickt ihre Kinder meist in die kleinen, meist 30 Kinder starken, Schulen. Diese werden von einem Lehrer geführt. In den Altersgruppen von 6 bis 10 wird alles zusammen unterrichtet. Das bei dem 5stündigen da nicht allzuviel zu Stande kommt, erklärt sich von selbst. Nach der 6. Klasse gehen die Kinder dann entweder ins lokale ‚Colegio‘, in die etwas teureren ‚Colegios‘ in die Großstadt oder aufs Feld um zu arbeiten und Geld zu verdienen. Da in Großteil der anderen Freiwilligen in Quito an ‚Colegios‘ arbeitet und ich so einen Einblick in das gesamte Bildungssystem bekommen konnte, war schnell festzustellen, dass es nicht mit einem westeuropäischen Standart zu vergleichen ist; angefangen bei den unmotivierten, unterbezahlten Lehrern über die dürfitgen Lehrpläne, bis hinzu den langweiligen Unterrichtsgestaltungen. Wenn Englisch gelehrt wird, dann ebenfalls dürftig. So können ein Großteil der Colegioabsolventen sich nicht mal ordentlich auf englisch vorstellen, geschweige den ein Gespräch führen. Das führt vor allem bei den Freiwilligen zu Frustration und Ratlosigkeit, da, wenn es Fortschritte gibt, sie nur sehr langsam zu erkennen sind und man bei Lehrern auch wenig auf hilfreiche Unterstützung trifft. Auf Grund der unzureichendenen Bildung mangelt es den Ecis (wie wir die Ecuadorianer liebervoll getauft haben) an Konfliktfähigkeit und an fehlendem Wissen für profunde Konversationen. Unvermeindlich trifft man ständig auf neue Leute, sie stellen sich vor, man selbst stellt sich vor und es folgen meist die gleichen Fragen; Woher? Warum? Wie gefällts? Was machst du hier? Was machst du zu Hause? Und Fragen die sich darauf aufbauen. An der Länge des Gesprächs lässt sich meist der Bildungsstand und das Interesse des Gegenüber ablesen. Das wiederum zeichnet sich auch im Wortschatz ab, der bei den meisten, vor allen ländlichen Bewohnern, sehr beschränkt ist. Ein und das selbe Wort hat so zahlreiche Bedeutungen, je nach dem in welchem Zusammenhang es gebraucht wird. Fachbegriff sind meist unbekannt oder werden nicht gebraucht. Dennoch sind die Ecis immer nett und zuvorkommen, sowohl Gringos gegenüber als auch untereinander. So reden sich bereits die Arbeiter untereinander immernoch mit ‚Sie‘ an, obwohl sie schon jahrelang zusammen arbeiten. Es sei eben so hier auf dem Land, sagen sie selbst.

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