Archiv für Juli, 2009

Letzte Tage in meiner liebgewonnen Heimat

Veröffentlicht in Up To Date am Juli 14, 2009 von paulnaglatzki

Einen Monat ist es nun her, seit dem ich aus Kolumbien wieder zurück bin. Die letzten sechs Wochen die mir da noch blieben sind nun auch fast vorbei und bald heißt es Abschied nehmen, von der Farm, den Projekten, den Leuten und von Ecuador. Kai N. Und Jakob haben das Land bereits verlassen, Kai H. ist auf Kuba und ich bin hier mitten im vollgepackten Freiwilligenhaus am Genießen meiner letzten Tage. Dennoch waren die letzten Wochen voll mit Fiestas und Arbeit. Da Stuart sich ebenfalls eine Auszeit gönnte und für 14 Tage nach Kanada flog, hieß es für die verbliebenen Freiwilligen, den Garten und das Freiwilligenprogramm alleine schmeißen. Viel Organisatorisches und Finanzielles lastete so auf unseren Schultern. Doch letztendlich hatten wir alles gut im Griff, auch wenn während Stuarts Abwesenheit 15 Hühner geklaut wurden. Auf Grund der anlaufenden ‚Temporada de Fiestas‘ (Festzeiten) kommt es gehäuft zum Diebstahl von Vieh, Hühnern und Meerschweinchen. So wurden auch wir zum Opfer und dies zog einige Änderungen nach sich; neue Schlösser vor den Meerschweinchenställen, nächtliche Wachschichten nahe der Ställe und ein verschlossenes Eingangstor. Des weiteren stand das Abschlussseminar mit unser gesamten Freiwilligengruppe bevor. Schon lang im Vorraus geplant, sollte es auf der Farm stattfinden. So fanden sich die insgesamt 30 Freiwilligen am Freitag, dem 19. Juni, auf der Farm ein und es folgte ein Wochenende vollgepackt mit reflektierenden, einschätzenden und zukunftsblickenden Workshop. Es war beeindruckend die meisten Freiwilligen, die ich meist nur auf Seminaren traf, ein letztes Mal zu sehen und mit ihnen Erlebnisse auszutauschen und immer wieder festzustellen, dass wir doch irgendwie alle ähnliche Erlebnisse durchgemacht hatten. Das folgende Wochenende waren wir ein letztes Mal alle gemeinsam in der Mariscal in Quito aus und verabschiedeten Kai, der nach seiner Abschlussfeier mit seiner Familie am Sonntag nach Deutschland flog. Am selben Wochenende wurden ebenfalls die Fiestas von San Pedro in Gang gebracht. San Pedro sind Festzeiten, die jedes Jahr am 28. Juni im Landkreis um Tabacundo beginnen. Die Tradition fordert jede Gemeinde des Kreises eine Tanzgruppe auf die Beine zu stellen, Gitarren- und Flötenbegleitete Gesänge zu komponieren und in der Nacht des 28. diese tanzend vorzustellen. Natürlich traditionel mit ‚Samarros‘ (Hosen aus Kuhfell) und ‚Faldas‘ (traditionelle Trachten der weiblichen einheimischen Bevölkerung) gekleidet. Gegen 6 Uhr abends beginnen dann die Umzüge der kleinen Grüppchen über die Hauptstraßen Tabacundos, alle die nicht tanzen, stehen am Straßenrand und bewundern und bewerten die auf einander folgenden Züge. Ein wichtiger Teil der Tradition ist der überdimensioniert Alkoholkonsum. In jeder Gruppe sind mindestens zwei sehr traditionel gekleidete Mitglieder stetig mit Wein, Bier, Schnaps, Whisky und ‚Puntas‘ (typischer Schnaps der Region aus Zuckerrohr) am Verteilen von Kurzen, entweder an die Gruppe selbst oder das umstehende Publikum. Am Marktplatz marschiert so jede Gruppe nacheinander ein und wird von einer ausgewählten Jury bewertet. Die beste Gemeinde bekommt so jedes Jahr eine Finanzspritze von $5000 für kommunale Arbeiten. Die Umzüge dauern so meist in die späten Morgenstunden. Für die meisten Sänger, Tänzer und Gitarrenspieler endet der Morgen dann besoffen am Straßenrand oder in den Armen der nüchternen Ehefrauen. Ursprünglich sollte unsere Farm ebenfalls eine eigene Gruppe auf die Beine stellen, aber da sich keiner kümmerte blieb es bei dem Plan. So fuhren wir am Sonntagabend gegen 9 mit den Familienmüttern und –vätern und den Freiwilligen hoch ins Pueblo um dem Spektakel beizuwohnen. Die ersten Biere waren schnell geleert und die vorbeiziehenden Gruppen füllten unsere kleine Gringogruppe schnell mit ‚Puntas‘ ab. Gegen 11 schlossen wir uns dann einer der größeren Gruppen an und zogen mit ihnen tanzend und trinkend die Straßen hinunter, über den Marktplatz und durch Tabacundo. So wurden wir zum noch leichteren Opfer für die schier endlosen Liter ‚Puntas‘, Bier und Wein. Doch mit jedem Schluck tanzten und sangen wir besser und wurden so zur Atraktion der gesamten Gruppe. Wir zogen an bekannten und belustigten Zuschauergesichtern vorbei, bis dann nach und nach einer nach dem anderen resegnierte. So fuhr ich mit der nächsten ‚Camionette‘ (Taxi) und den restlichen ecuadorianischen Farmbewohnern gegen 2 zurück auf die Farm. Stuart und ein paar andere hielten angeblich bis 5 Uhr morgens durch. Da wir zur gleichen Zeit eine 50köpfige Studentengruppe aus den Staaten auf der Farm hatten und diese bekocht werden mussten, hieß es bereits um 5 wieder aus den Federn und in die Großraumküche und des Frühstück bereiten. Völlig am Boden und verkatert wurde aber der Rest des Tages als allgemeiner Ruhetag ausgerufen. Nach der Rückkehr aus unseren Kolumbienurlaub hatte sich da Freiwilligenhaus schlagartig geleert,nur Rachel aus Massechusetts und ich waren verblieben. Doch Woche für Woche kamen nun neue Freiwillige. Schlagartig herschte ein dichtes Gedränge aus 10 Freiwilligen in unserem Hause. Ohne Zwischenfälle war ein abwechslungsreiches Zusammenleben möglich. Über mehrere Monate wäre es jedoch nicht auszuhalten, die Kocheinrichtungen sind zu klein und Schlafmöglichkeiten sind auch nur begrenzt verfügbar, obgleich wir einen weiteren Raum des Hauses bewohnbar gemacht haben. In der ersten Juliwoche wollten wir dann endlich unser Ofenprojekt in Angriff nehmen. Rachel hatte die Idee von einem Lehmofen auf die Farm gebracht. Die Anleitung war einfach, ein Lehmiglu, in dem ein Feuer entfacht wird und danach das Brot gebacken wird. Doch das war nicht genug, wir wollten einen richtigen Ofen, mit Holzfeuerung, Bratfach und Schornstein. An Stuarts Pizzaofen angelehnt entworfen wir unseren groben Plan. Das Fundament war gelegt, der Alu-Schornstein von unserem Bewässerungssystem, die Ziegelsteine aus unserer alten Brennerei und mehrere Schubkarren Erde aus dem Umland zusammengetragen. Das einzige was noch fehlte, war das eigentliche Ofenfach. Dieses sollte aus 2mm starkem Blech, halbmondförmig über dem Feuer ruhen. Endlich stießen wir auf eine alte Blechtonne, die auf der Farm schon abgeschrieben war und ein Blech welches den Anforderungen entsprachen. Es konnte also losgehen; Freitagmorgen begannen wir Erde mit Wasser zu mixen und einen zementähnlichen Brei herzustellen. Die ersten Grundsteine waren schnell gelegt und das Feuerblech eingezogen. Zusammen mit dem Kanadier Julien zog ich die Außenwände hoch, während der Rest mit dem Herstellen von Lehm beschäftigt war. Alsbald wurde der Schornstein eingesetzt und fixiert und das Bratfach fand seinen Platz und wurde von einer Doppellage Ziegelsteine ummauert. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit fand das Projekt sein Ende. Der Ofen mit einer Bratfläche von 50 cm x 50 cm war an seinem Platz, nun musst er nur noch trocknen, was einige Zeit in Anspruch nehmen sollte. Damit der Lehm bei Regen nicht ausgewaschen wurde, musst der Ofen stetig mit einer Plane abgedeckt werden, was den Anblick des Meisterwerkes natürlich erheblich trübte. Also musste ein Dach her – doch Plastikfolie? – würde bei der Hitzte schmelzen. Stroh? – Brennt. Also Dachziegel im guten alten Mönch-Nonnen-Stil. Also schnell vier Pfeile gesetzt, einen Dachstuhl drauf und mit Ziegeln von einfallenden umliegenden Gebäuden eingedeckt. Nach zwei Tagen und der Hilfe Eladios bot das völlig überdimensionierte Dach unserem Ofen Schutz. Doch trocken war er immernoch nicht. Völlig ungedulig weihten wir ihn dann am Donnerstag, genau eine Woche vor meiner Abreise, ein. Mit gebratenen Kartoffelecken, Brokkoli und Rote Beete. Am Nachmittag war ich zum Fussballspiel La Liga vs. Puerto Alegro in Quito eingeladen. La Liga, heimisch in Quito, ist Tabellenfüherer der ecuadorianischen Bundesliga. An dem besagten Donnerstag spielten sie gegen den Tabellenführer der brasilianischen Premierleague. Anpfiff: 20.00 Uhr. Da rechtzeitiges Kommen gute Plätz sichert fanden wir unser bereits um 5 im Stadium ein und die erste Biere floßen. Als dann endlich das Spiel begann, gröllten Stuart und ich bereits schon leicht angetrunken mit den ecuadorianischen Fans die etwas stumpfen Fangesänge. Ein sehr gutes, schnelles Spiel unserer Heimmannschaft verhalf zu einem schnellen 1:0. Völlig überannt bekam Puerto Alegro dann auch noch zwei weitere Tore und des Spiel endet gegen 10.00 mit einem 3:0 und einer Siegerzeremonie. Die Stadiumsbeleuchtung wurde gedimmt und das gesamte Stadium entzündete kleine Leuchtfakeln, sodass die gesamten Tribühnen vor Funken nur so blinkten – ein wirklich einmaliges Fussballerlebnis. Gegen 11 Uhr abends saßen wir dann im Bus nach Hause und kamen gegen halb 1 auf der Farm ein. Da ich am Folgetag bereits um 3 Uhr auf den Beinen sein musste, begab ich mich baldmöglichst ins Bett. Die frühen Morgenstunden des Freitags verbrachte ich mal wieder mit Edwin und Alonzo in Ibarra beim Gemüsekaufen. Da am Samstag meine große Abschlussfeier bevor stand und noch einiges zu erledigen war, war am Nachmittag auch nicht viel mit Arbeit. Für den kommenden Grillabend zu meiner Abschlussfeier waren 50 Leute geplant. 6 Hühner und 6 Meerschweinchen mussten geschlachtet, gerupft, ausgenommen, zerteilt und eingelegt werden. Der ruhige Nachmittag wurde von einem tragischen Unfall unterbrochen. Die größeren Kinder der Farm waren in einem der Kartoffelfelder mit Benzin am rumspielen. Der auf unserer Farm leicht aufzufindene Grillanzünder war offensichtlich ein fazinierendes Spielzeug. Da keiner von uns, weder die Eltern davon mitbekamen, waren sie ungehindert mit dem Benzinfeuer zu Gange. Als plötzlich eines der Kinder über das, mit Benzin gefüllte, Behälterchen stolpert und sein Gegenüber mit der hochentzündlichen Flüssigkeit tränkte. Ein Funken genügte und der 8 Jährige stand in Flammen, der schreckliche Anblick des umherrlaufenden Feuerballs zog Simons Aufmerksamkeit auf sich und reflexartig schnappte er den Jungen riss ihm die bereits geschmolzene Kleidung vom Leib und wir setzten ihn in die Badewanne und übergossen ihn mit kaltem Wasser. Beide Beine und seine gesamt Seite waren verbrannt, die oberste Hautschicht hatte sich gelöst und hing in Fetzten von seinem Körper. Nach seiner Mutter schreiend traf sie kurz darauf ein. Es stand fest – ins nächstgelegene Krankenhaus. Rein zufällig war Edwin mit seinem PickUp gerade auf der Farm und lieferte ihn im nächsten Krankenhaus in Cayambe ein – wo er nach einer ersten Notfallversorgung dann sofort ins Kinderspital Baca Ortiz nach Quito überführt wurde. Am Abend setzten wir etwas in Schock versetzt dann die Einweihung des Ofens mit hausgemachten Pizzen fort. Da am Folgetag die große Abscheidsfeier bevorstand, gingen wir zeitig zu Bett. Es sollte nicht nut meine Abschiedsfeier werden, da 5 weitere Freiwillige die Farm in den nächsten Tagen verlassen sollten, war es mehr ein letztes Mal an dem alle zusammen waren. Ausserdem holten wir am sonnigen Samstagnachmittag den lang versäumten Karneval, typisch als Wasserschlacht mit viel Wasser, Mehl und Eiern, zusammen mit den gesamten Farmbewohnern nach. Gegen 5 entfachten wir das Feuer für die Grillplatte, brachten Fleisch, Kartoffeln und Besteck herbei und so nach und nach versammelten sich alle um den Grill. Angefangen von der gesamten Farmbevölkerung, über Stuart und den Freiwilligen, bis hin zu Edwin, seiner Familie und Alonzo mit zwei seiner Kumpanen waren es ingesamt um die 60 Leute. Bis spät in die Dunkelheit grillten wir Hühnerbeine, Meerschweincheschenkel und Schweinesteaks. Nach dem alle Mägen gefüllt und die Kälte über uns hereinbrach, verzogen wir uns nach drinnen, in den großräumigen Speisesaal der Farm. Dort begann die eigentliche Fiesta, die ersten 5 Kisten Bier waren bereits geleert, doch für Nachschub war gesorgt. Wir setzten den ‚Naranjillazo‘ (Punsch aus Zuckerrohrschnaps und einer ecuadorianischen Frucht) auf und holten den Wein und Whisky aus der Vorratskammer. An Musik fehlte es ebenfalls nicht, da Eladio dankbarer Weise seine Anlage zur Verfügung gestellt hatte. Alternierend wurde zu ecuadorianischer Folklore, Salsa, Cumbia, Bachatta, Pop, Rock, Klassikern und Electro getanzt. Mit zunehmendem Alkoholkonsum wurden die Tanzbeine lokerer und es interessierte keinen mehr, welche Musik spielte und wie man wohl tanze. Als bald forderte es erste Opfer, die sich auf ihr Zimmer zurückzogen. Doch der harte Kern aus geübten ecuadorianischen Alkoholikern und einigen Freiwilligen zechte und tanzte bis um 4. Gegen halb 5 schmiss ich die verbliebenen vier aus dem Speisesaal, verriegelte die Tür und ließ die vier tanz- und sauflustigen Partymacher mit einer Kiste Bier zurück. Der nächste Morgen verlief sehr sehr langsam und schleppend. Gegen 10 wirkte die Farm noch wie ausgestorben, gegen 11 wurden die ersten Köpfe aus den Türen gesteckt und die Aufräumarbeiten in der eingeschworenen Putzkolone begannen. Als dann auch um zwei der letzte mehr oder weniger auf den Beinen war, lungerte man in der Mittagssonner vor unserem Haus und wertete noch leicht angetrunken den Vorabend bei Tee und ein wenig leichter Kost aus. Doch viel Zeit blieb nicht, da wir am Nachmittag ein letztes Mal Brot backen wollten. Also versammelten sich Lucia, Ruth und ich gegen 4 in der Küche und begannen erst die Masse zu kneten, gehen zu lassen, Brötchen zu formen und bis in die frühen Abendstunden zu backen. Mit 400 Brötchen ging mein letztes Wochenende auf der Farm zu Ende. Fünf der Freiwilligen verabschiedeten sich noch am selben Tag und zwei Weitere folgten am Folgetag. Während meiner letzten Woche kamen dann auch noch 60 Kinder aus Quito, die hier ein einwöchiges Ferienlager verbrachten, auf die Farm. So verbringe ich die letzten Tage kochend in unserer Großküche und mache noch letzte Besorgungen. Am Donnerstag, dem 16.7. geht es dann um 23.30 mit Kai nach Atlanta. Dort werde ich hoffentlich auf meinen Gastbruder von meiner Aufenthalt in den Staaten und seine Verlobte treffen und mit ihnen die 12h bis zu meinem Weiterflug nach Paris totschlagen. Am Samstag wird dann hoffentlich mein Flieger pünktlich um 3 in Berlin landen und nach einer Nacht in meinem richtigen Zuhause geht es wieder nach Berlin zum Abchlussseminar. Da dies wahrscheinlich der letzte Eintrag aus Ecuador sein wird, möchte ich hiermit allen danken, die mir diese Tür geöffnet haben und dieses erlebnissreiche Jahr ermöglicht haben. Vor allem meiner Familie in Deutschland, meinen Freunden und natürlich auch den gesamten Farmbewohnern, die den interkulturellen Austausch überhaupt erst möglich gemacht haben und mich so herzlich in ihrer kleinen Gemeinschaft aufgenommen haben. Nicht zu letzt möchte ich auch ICJA, VASE und ICYE für ihre Organisation und ihr Engagement danken und natürlich Stuart, der neben seiner Führungstätigkeit auch sonst immer für einen da war. DANKE